Was haben manche frischgebackene Eltern mit den Opfern einer brutalen Foltermethode gemeinsam? Dunkle Augenringe, angespanntes Nervenkostüm, Aggression, Verzweiflung – die Symptome von Schlafmangel. Systematischer Schlafmangel wird und wurde immer wieder eingesetzt, um Menschen zu quälen. Die grausame Effizienz dieser Foltermethode können viele Eltern erahnen: Wenn Babys regelmäßig die Nacht zum Tag machen und Mama und Papa am Schlafen hindern, sind die Eltern oft innerhalb kurzer Zeit stehend k.o. Zu wenig Schlaf zehrt an der Substanz, permanenter Schlafmangel kann unter Umständen sogar tödlich sein.
Es gibt keinen „Normalwert“, wie viele Stunden Schlaf ein Mensch braucht. Als Mittelwert für Erwachsene gelten etwa sieben bis acht Stunden. Manche Erwachsene brauchen aber mindestens zehn Stunden Schlaf pro Nacht, andere kommen auch á la longue mit fünf Stunden aus. Diese beiden Werte sind zwar Extrem-Werte, „normal“ ist aber beides. „Das Schlafbedürfnis eines Menschen ist eine Sache, die individuell festgelegt ist, wie etwa auch die Haarfarbe, die ein Mensch hat“, meint Univ. Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung. „Deshalb kann sich auch ein Langschläfer nicht zum Kurzschläfer trainieren.“ Das Geschlecht spiele bei der Frage, ob nun jemand zur Nachteule oder zum Siebenschläfer geboren ist, kaum eine Rolle. Eine „familliäre, genetische Komponente“ gebe es beim individuellen Schlafbedürfnis – wie eben auch bei der Haarfarbe – aber schon. So haben Geschwister oft ein ähnliches Schlafbedürfnis. Und das kann in den ersten Lebensjahren besonders extrem variieren. Ein sechs Monate altes Kind kann zum Beispiel ein Schlafbedürfnis von maximal neun Stunden pro Tag haben. Ein anderes Kind gleichen Alters braucht jeden Tag 16 Stunden Schlaf. Beides ist normal. Wenn Kinder aber nur wenig schlafen und dabei häufig aufwachen, kann das für die Eltern unangenehme, ja mitunter sogar gefährliche Folgen haben.
„Wenn ein Kind nie mehr als drei, vier Stunden am Stück schläft, leiden die Eltern – und meistens besonders die Mutter – natürlich unter Schlafmangel“, sagt Dr. Kerbl, und warnt: „Schlafmangel kann sich ziemlich schnell ziemlich negativ auswirken“. Sein Tipp: Übermüdete Eltern sollen tagsüber schlafen, wenn das Kind schläft – auch dann, wenn sie diese Zeit gerne nutzen würden, um in Ruhe Hausarbeiten zu erledigen, oder sich einem Hobby zu widmen. Mögliche Schlafmangel-Folgeerscheinungen wie Depressionen, gegen das Kind gerichtete Aggressionen oder Einschlafen am Steuer eines Autos sind aber gute Argumente dafür, sich gemeinsam mit dem Kind eine Mütze Schlaf zu gönnen. Auch Teamwork kann bei Schlafmangel helfen: Wenn ein Kind in der Nacht nicht schläft, besteht keine Notwendigkeit, dass beide Eltern deswegen kein Auge zu bekommen. Tipp: Wechseln Sie sich nach Möglichkeit bei der nächtlichen Betreuung Ihres Babys ab. Dabei kann es auch Sinn machen, hin und wieder eine Nacht alleine auf der Wohnzimmercouch zu verbringen. Regelmäßig eine „gute Nacht“ zu haben gibt Kraft für mehrere Tage und hält die Folgen von Schlafmangel auf Distanz. Und das ist umso wichtiger, weil Eltern von Kleinkindern oft ja nicht nur zu wenig schlafen, sondern weil sie auch immer wieder zwischendurch geweckt werden. Und sechs Stunden Schlaf, die immer wieder unterbrochen werden, bieten erheblich weniger Erholungs- und Regenerationswert als sechs Stunden Schlaf am Stück. Nun können Eltern das Schlafbedürfnis ihrer Kinder zwar nicht beeinflussen. Aber sie können die Schlafzeit des Kindes zu ihren Gunsten – und damit auch zum Wohl des Kindes – verteilen.
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