Mangelernährung bei Pflegeheimbewohnern

Pflege

Mangelernährung bei Pflegeheimbewohnern

– rechtzeitig hinsehen und handeln

Gerade alte Menschen essen und trinken oft zu wenig. Der Ernährungszustand eines Menschen muss deshalb regelmässig überprüft werden. Ärzten und Pflegekräften stehen verschiedene, relativ einfache Methoden zur Verfügung, um Anzeichen von Mangel- und Unterernährung rechtzeitigzu erkennen. Mit Hilfe vonErnährungsplänen, medizinischer Trink- und Sondennahrung kann dann effektiv gegengesteuert werden.

 

Mangel- oder Unterernährung ist ein unterschätztes, aber weit verbreitetes Problem bei Senioren. Mit dem Alter verschwindet oft der Appetit, der Geschmackssinn lässt nach und der allgemeine Energiebedarf sinkt. Das Hormon Ghrelin wird weniger ausgeschüttet und der Hunger lässt nach. Dennoch werden viele Nährstoffe nach wie vor in den gleichen Mengen wie zuvor benötigt (bei Proteinen ist dieser Bedarf sogar erhöht). Krankheiten und Bewegungsmangel wirken sich ebenfalls negativ auf das Hungerempfinden aus. Hinzu kommt, dass das Essen mit nachlassenden Sinnen nicht mehr derart intensiv empfunden wird: der Eintopf schmeckt nicht mehr so deftig wie früher und das Steak sieht nicht mehr so saftig aus.

 

Besonders gefährlich: die Symptome von Mangelernährung wie Müdigkeit und Schwäche werden oft einfach dem Alter zugeschrieben. Dabei sollte im Falle einer drohenden oder bereits feststehenden Mangelernährung möglichst schnell gegengesteuert werden. Denn das Immunsystem einer mangelernährten Person ist geschwächt – sie ist sehr anfällig für Krankheiten.

 

Was ist Mangelernährung?

Ein guter erster Indikator für den Ernährungszustand eines Menschen ist der so genannte Body-Maß-Index (BMI). Zu dessen Berechnung wird das Körpergewicht der Person (in kg) durch ihre quadrierte Körpergröße (in m) geteilt. Die Formel lautet also: BMI = Gewicht in kg / (Körpergröße in m x Körpergröße in m). Ein Mensch, der 80kg wiegt und 1,8m groß ist, hat demnach einen BMI von 80/(1,8)²=24,7. Bei alten Menschen ab 65 Jahren kann von Unter- oder Mangelernährung gesprochen werden, wenn dieser Wert unter 20 liegt. Doch auch bei einem BMI zwischen 21 und 24 besteht bereits das Risiko von Mangelernährung.

 

Wie wird Mangelernährung festgestellt?

Der BMI ist jedoch nicht der einzige Faktor, der für die Diagnose von Mangelernährung entscheidend ist. In Pflegeheimen wird anhand so genannter Ernährungsscores analysiert, ob ein Patient ausreichend ernährt ist. In die Ermittlung dieser Scores fließen mehrere Einzelfaktoren ein, darunter neben dem genannten Body-Maß-Index das Körpergewicht, der Gewichtsverlauf, das Essverhalten sowie die Mobilität und gesundheitliche Beeinträchtigungen des Bewohners. Ein erstes Screening zur Erfassung dieser Merkmale sollte bei der Aufnahme in ein Pflegeheim erfolgen. Weitere Screenings folgen dann idealerweise in regelmäßigen Abständen. Weisen die Scores nun bestimmte Werte auf, lässt das darauf schließen, dass der Bewohner vermutlich mangelernährt ist. Besteht dieser Verdacht, folgt umgehend eine gründliche Untersuchung.

 

Allerdings lässt sich der Ernährungszustand eines Menschen keineswegs in einer festen Größe messen wie z-B- der Blutdruck. Das zeigt sich allein schon daran, dass in Pflegeheimen verschiedene Scores Anwendung finden: die wichtigsten unter ihnen sind der PEMU (Pflegerische Erfassung von Mangelernährung und deren Ursachen) sowie der MNA (Mini Nutritional Assessment). Auch wenn sich der Ernährungszustand eines Menschen also nicht präzise erfassen lässt, haben sich diese Scores in der Praxis dennoch bewährt. Sie messen verschiedene Werte, die Rückschlüsse auf die Ernährung des Bewohners zulassen und liefern somit Daten, anhand derer eine Unterernährung in vielen Fällen erkannt werden kann.

 

Darüber hinaus ist es jedoch wichtig, dass Ärzte und Pflegepersonal auch neben den Screenings nach möglichen Anzeichen von Unterernährung Ausschau halten. Äußerlich zeigt sich letztere unter anderem an eingefallenen Schläfen, eingesunkenen Augen, deutlich sichtbaren Rippen, spitzen Schultern, hervorstehenden Schlüsselbeinen oder Schulterblättern sowie an Muskelschwund, der vor allem an den Gliedmaßen erkennbar ist. Proteinmangel kann sich zudem in Gewebeschwellungen (Ödemen) äußern, bei denen die Haut oft sehr gestrafft ist (gesteigerter Hautturgor). Ist die Haut hingegen schlaff und faltig (geringer Hautturgor), kann dies ein Indiz für Flüssigkeitsmangel sein.

 

Maßnahmen – was tun, wenn Mangelernährung vorliegt?

Ist die Mangelernährung erst einmal festgestellt, werden zunächst ihre Ursachen ermittelt. Hat der Heimbewohner motorische Schwierigkeiten beim Essen, etwa nach einem Schlaganfall? Fühlt er sich in der Situation der Nahrungsaufnahme unwohl, weil zum Beispiel der Speisesaal des Heimes kein angenehmes Ambiente darstellt? Schmeckt ihm das Essen in der Pflegeeinrichtung nicht? Oder verspürt er einfach keinen Hunger, möglicherweise in Zusammenhang mit einer Krankheit? Auf Basis solcher Erkenntnisse können dann das Nahrungsangebot und die Situation der Nahrungsaufnahme modifiziert werden. Darüber hinaus kann auch eine persönliche Ernährungsberatung erfolgen. Der Bewohner bekommt dann seinen persönlichen Speiseplan zusammengestellt, der seine Leibgerichte enthält. Dabei kann die Nahrung auch mit Eiweiß und anderen Nährstoffen angereichert sein. Zusätzlich kann die Taktung der Mahlzeiten verändert werden, sodass der Bewohner neben drei festen Mahlzeiten am Tag auch mehrere Zwischenmahlzeiten zu sich nimmt.

 

Zeigen diese Maßnahmen allesamt keine Wirkung, können mit dem Einverständnis des Patienten oder seiner bevollmächtigten Betreuer Trink- und Sondennahrung verabreicht werden. Diese nährstoffreiche Flüssignahrung kann zunächst ergänzend zur normalen Ernährung eingesetzt werden. Sie ist aber auch in der Lage, letztere vollständig zu ersetzen. Sollte die supportive enterale Ernährung sich als unzureichend erweisen, kann der Patient daher auch ausschließlich über enterale Ernährung mit Nährstoffen versorgt werden.

 

Dieser Schritt war bei Pflegeheimbewohnerin Anne S. notwendig, die während eine Grippe-Erkrankung in einen gefährlichen Kreislauf geriet: im Zuge der Infektion litt sie an Appetitlosigkeit und aß sehr wenig. Der Nährstoffmangel, der sich infolge dessen einstellte, schwächte ihr Immunsystem zusätzlich, so dass sich ihre gesundheitliche Situation wiederum verschlechterte, was sich abermals negativ auf ihr Bedürfnis zu essen auswirkte. Sie konnte einfach nicht mehr ausreichend normal essen und trinken. Dieser Kreislauf konnte erst durchbrochen werden, als Anne S. kurzfristig ausschließlich mit Sondennahrung ernährt wurde.

 

Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie gefährlich Mangelernährung bei alten Menschen tatsächlich ist. Pflegeheime können mit den Scores jedoch auf wirksame Kontrollsysteme zurückgreifen, die die Unterernährung von Bewohnern meist schnell registrieren. Sobald diese erkannt wurde, können wichtige Maßnahmen bis hin zur Verabreichung von medizinischer Trink- und Sondennahrung eingeleitet werden, die die ausreichende Versorgung des Patienten gewährleisten. Anne S. isst mittlerweile wieder mit den anderen Heimbewohnern zu Mittag. Heute gibt es Lasagne, ihr Leibgericht.

Fotocredit: Kzenon/Shutterstock.com

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