gebärpositionen

Mütterliche Gebärpositionen

Als besonders wichtig scheint mir in jeder Phase zu sein, dass die Frau die Möglichkeit bekommt, sich frei zu bewegen. Frei sein heißt, selbst zu erkennen und zu wählen, was wohl tut. Denn die Körperhaltung der Gebärenden erleichtert dem Kind den Weg durch den Geburtskanal erheblich. Die Frau nimmt instinktiv die Haltung ein, die dem Kind gut tut. Vermutlich besteht eben doch eine für uns unsichtbare Kommunikation zwischen Mutter und Kind. Dass die Schwerkraft schon seit Jahrhunderten von den Frauen genutzt wird und die liegende Position geburtsverzögernd wirken kann, ist ja längst kein Geheimnis mehr. Auch wenn die Haltung der Frau für uns Begleitpersonen manchmal kompliziert oder komisch aussieht, so ist es doch erstaunlich, wie eben diese innerhalb von Minuten zu einem erheblichen Geburtsfortschritt führen kann. Der Positionswechsel ist immer zu bevorzugen, denn er ist wesentlich einfacher und schmerzfreier, als jeder manuelle Eingriff oder jede Manipulation am Muttermund.

 

Mütterliche Gebärpositionen mit Unterstützung durch Hebammen

Freilich muss manchmal die Frau von der Hebamme ermuntert werden, sich doch aus dem Bett heraus zu bewegen, noch mal in die Badewanne zu steigen oder besser in eine kniende Körperhaltung zu gehen, denn die Frau von heute hat eben nicht mehr die Geburtserfahrung wie noch ihre Urgroßmutter. Es ist wirklich Aufgabe der Hebamme, der Geburtshelfer sowie des Partners, die Frau in ihrer Wehenpause zu ermutigen, in eine andere Körperhaltung zu wechseln. Die Frage allein, ob sie die Position wechseln möchte, hilft bestimmt nicht, denn die Gebärende will jetzt nicht mehr Entscheidungen treffen müssen, sondern sich ganz und gar ihrem körperlichen Geschehen hingeben. Also bedarf es der richtigen Portion Einfühlungsvermögen, die Frau dazu zu ermutigen, ihre Lage zu verändern, ohne sie in ihrer Geburtsarbeit zu stören. Aber dafür sind wir Hebammen ja da.

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Optimale Bedingungen wichtig für mütterliche Gebärpositionen

In der außerklinischen Geburtshilfe ist dies selten schwierig, denn Frau, Hebamme und Partner sind ein eingespieltes Team, sie kennen sich schon viele Monate und haben ja auch gemeinsam in den Vorbereitungsstunden geübt. Die Umgebung ist geburtsfreundlich und es ist kein Problem, von der Hocke in den Vierfüßlerstand zu wechseln, vielleicht spielt sich auch ohnehin schon lange alles am Boden ab, der ja deshalb auch mit weichen Matten und Unterlagen bequem gemacht wurde.

In der Klinik muss immer bedacht werden, dass die Frau vom Bett »herunter« steigen muss, dass der Boden selten einladend ist, der Blick unters Bett nicht immer amüsant und die Badewanne ja eigentlich wieder nur die Rückenposition ermöglicht, da die Form der Wanne ja schon wieder alles vorgibt. Eine Geburtswanne sollte wie der Geburtsraum sein, einladend, groß, geräumig und warm. Es darf auch keine Rolle spielen, ob da nun Wasser überschwappt oder nicht. Bewegungsfreiheit bedeutet: egal wo, im Wasser oder im Trockenen, die Gebärende muss sich sicher fühlen, nicht Sorge haben, ob nun das Bett zu schmal oder zu kurz ist, die Wanne zu hoch oder zu schmal, ob der Hocker wackelt oder was auch immer.

»Frei sein« heißt auch, durch kein Hindernis und keine Angst gehemmt zu werden und auch nicht den Blicken unbeteiligter Menschen ausgesetzt zu sein. Hier muss ich meine geschätzte Kollegin Hanna Fischer, Autorin des Buches »Atlas der Gebärhaltungen«, zitieren: »Haben Sie in dem Bett schon mal Liebe gemacht, Herr Professor und Frau Hebamme?« Hier steckt die ganze Wahrheit in wenigen Worten: Das Kind entstand in Liebe und soll auch so geboren werden dürfen. Liebe ist, wie wir wissen, bedingungslos! Deshalb gilt es alle Störfaktoren auszuschalten, damit frau wirklich loslassen kann, ihr Innerstes nach außen kehren und einfach Intimität leben kann. Dies bedeutet, dass es für uns Anwesende schon mal unbequem werden kann, aber nicht Hebamme, Ärztin und Vater bekommen ein Kind, sondern die Frau wird das Kind so gebären, wie es für das Kind von Vorteil sein wird. Es dürfte Ihnen, liebe Leserin, verständlich sein, dass diese Art der Freiheit eigentlich nur in der außerklinischen Geburtshilfe zu finden ist, denn der Rücken der freiberuflichen Hebamme wird nicht von mehreren Geburten täglich belastet, sondern hat im Normalfall schon mal einige Tage Zeit, sich von der Buckelei zu erholen, wenn z.B. für die Gebärende die Hocke eben am besten war, sie sich im Wechsel beim Partner und der Hebamme abstützen wollte.

Ich bin mir sicher, dass durch diese wirkliche Freiheit der Frau ein großes Maß an nicht messbarer Sicherheit entsteht. Denn Intimität bedeutet nicht nur, es gibt keine Regeln und keine Vorgaben, sondern auch keine Überwachungsgeräte, keine vorgegebenen Routinekontrollen und keine Normwerte, die besagen, wann die Geburt beendet sein sollte. Der Wunsch jedoch, ein möglichst hohes Maß an (medizintechnischer) Sicherheit zu gewährleisten, ist für das Kind immer wieder ein unüberwindbares Hindernis. Geburt ist nicht abhängig von der Herztonkontrolle, und der Geburtsweg ist eben nicht nur ein anatomisch korrekt geformtes, unbewegliches weibliches Becken, sondern ein faszinierendes Zusammenspiel von Hormonen und Emotionen, von Zeit und Raum zwischen Mutter und Kind.

 

Autor: Ingeborg Stadelmann

Fotocredit: Natthawon Chaosakun/shutterstock.com

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