
Pränataldiagnostische Verfahren, wie Nackenfaltenuntersuchungen oder Organ-Screenings, sind längst zu einem selbstverständlichen Teil der medizinischen Schwangeren-Vorsorge geworden. Während die Untersuchungstechniken laufend verbessert werden, gibt es nach wie vor kaum Beratung für Schwangere und Paare, die mit einem „positiven“ Ergebnis (Behinderung) konfrontiert werden. So müssen die meisten alleine mit dem Schock fertig werden, dass ihr ungeborenes Kind nicht gesund ist, beziehungsweise nicht der „Norm“ entspricht. Und gleichzeitig entscheiden, ob sie ein Baby mit einer Behinderung zur Welt bringen wollen, oder nicht.
So schnell kann es gehen: Irma Z., 25 Jahre alt, freute sich auf ihr erstes Baby. Bis zu einer routinemäßigen Untersuchung bei ihrem Gynäkologen, um die 12. Schwangerschaftswoche, war sie sicher, dass sie ein gesundes Kind zur Welt bringen würde. Nach dieser Untersuchung empfahl Z.’s Gynäkologe eine Nackenfaltenmessung. Vier Tage nach der Nackenfaltenmessung ließ die junge Frau eine Abtreibung durchführen.
Zwischen der Euphorie, Mutter zu werden, und dem absoluten Horror, ein Kind zu verlieren, zwischen dem Glück, Leben zu schenken oder der Umkehr dieses Vorhabens in sein unsagbar grauenhaftes Gegenteil liegen oft nur Sekunden. Sekunden, in denen das vernichtende Ergebnis einer „Routine“-Untersuchung verkündet wird. „Es ist ein großer Schatten im Nackenbereich des Fötus zu sehen“, lautete der Befund, den Irma Z. bei der Nackenfaltenmessung vernehmen musste. Besagter „Schatten“ ist eigentlich die Ansammlung einer wässrigen Flüssigkeit unter der Haut und gilt unter anderem als Indikator für eine mögliche Chromosomen-Störung. Die Ärzte empfahlen Frau Z. die sofortige Durchführung einer Chorionzottenbiopsie, die schließlich den furchtbaren Verdacht bestätigte: Irma Z.s Baby hatte eine Chromosomen-Störung, nämlich Trisomie 18. Wenn das Kind lebend zur Welt kommen würde, wäre es schwer behindert. Frau Z. entschloss sich zur Abtreibung.
„Die Entscheidung für den Schwangerschaftsabbruch ist der Frau in diesem Fall von den Ärzten quasi ‚abgenommen‘ worden,“ meint Dr. Andrea Strachota. Die Assistenzprofessorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien hat für ihr Buch „Zwischen Hoffen und Bangen“ Frauen und Männer gebeten, ihre Erfahrungen mit pränataler Diagnostik aufzuschreiben. „Die Geschichte von Frau Z. ist ein Extrem-Beispiel,“ betont Strachota. „Rund 95 % der pränatalen Untersuchungen bringen unauffällige Ergebnisse oder negative Befunde. Zudem war auch die Zeitspanne, die Frau Z. zwischen dem ersten Verdacht und der Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch hatte, extrem gering.“ Eine andere Schwangere, die in Strachotas Buch von ihrem Schicksal erzählt, hatte sechs Wochen Zeit, sich zu entscheiden. Das Ergebnis war aber das gleiche: Schwangerschaftsabbruch. „Für drei von vier Frauen, die nach pränataldiagnostischen Untersuchungen einen positiven Befund hatten, schien zu Beginn ihrer Schwangerschaft ein Abbruch undenkbar“, berichtet Dr. Strachota. „Aber alle haben sich schließlich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.“
Wesentlichen Anteil an dieser Entscheidung hat der extreme Schock, den die positiven Untersuchungsergebnisse bei den betroffenen Paaren auslösen. Die plötzliche Erkenntnis, dass das Kind, auf das man sich so sehr freut, wahrscheinlich krank bzw. behindert sein wird, katapultiert die werdenden Eltern in eine psychische Extremsituation. In diesem Schock-Zustand müssen dann weitreichende, existentielle Entscheidungen gefällt werden. Studien haben ergeben, dass die meisten Betroffenen ein schnelles Ende der alptraumhaften Situation herbeisehnen. Konsequenz: Lieber ein Ende mit Schrecken, als möglicherweise Schrecken ohne Ende. Schwangerschaftsabbruch also.
Diagnose_Baby_mit_Behinderung-schwangerschaft.pdf [119,98 kB]
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